Compassion enables both the courage to be a witness to the realities of suffering we are marinated in, seek their causes, and to build wise science of how to engage and where possible prevent suffering.

Paul Gilbert

Überblick

Für die klinische Anwendung von Mitgefühl wird die Compassion Focused Therapy (CFT) transdiagnostisch eingesetzt, für die Anwendung in Coaching und Beratung wurde das Compassionate Mind Training (CMT) entwickelt.

Was ist Mitgefühl?

Innerhalb der CFT und CMT  wird Mitgefühl als Motivationssystem betrachtet, das sich mit dem Säugetier-Bindungssystem entwickelt hat, um Bedrohungen zu regulieren. Mitgefühl ist beziehungsbildend – mit uns selbst und mit anderen. Die Entwicklung von Mitgefühl lässt uns als Ganzes – mit Aufmerksamkeit, Denken, Fühlen, Sinneswahrnehmungen und Verhalten – mit der Motivation eins werden, sich Leid zuzuwenden und es zu lindern. Mitgefühl umfasst also zwei Aspekte– die Zuwendung und die Linderung

Gilbert (2014, S.19) orientiert seine Definition von Mitgefühl am XIV. Dalai Lama als „Bewusstheit vom eigenen Leid und dem anderer Lebewesen mit dem Wunsch und Bestreben, dieses Leid zu verringern oder zu verhindern.“

Modell der CFT

Der CFT liegt das Konzept zugrunde, dass sich im Laufe der Evolution 3 Emotionssysteme entwickelt haben, welche das Überleben sichern. Dazu gehören neben dem eigentlichen Bedrohungs- und Selbstschutzsystem, welches unmittelbare Bedrohungen abwendet, das Anreiz- und Antriebssystem, welches die Beschaffung der lebensnotwendigen Ressourcen steuert, sowie das Beruhigungs- und Fürsorgesystem, welches die für das Überleben von Säugetieren zwingend notwendigen Bindungen regelt. Die CFT geht davon aus, dass diese 3 Systeme gleichwertig sind und je nach Kontext unterschiedlich stark aktiviert werden. Sie stehen miteinander in Verbindung und können sich gegenseitig regulieren.

Das Bedrohungs- und Selbstschutzsystem dient der schnellen Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefahren und veranlasst eine entsprechende Abwehr- oder Fluchtreaktion auf körperlicher und psychologischer Ebene. Eine Reihe von Emotionen basiert auf dem Erleben von Gefahr wie Wut, Angst oder Ekel. Der Körper wird durch Stresshormone auf Kampf oder Flucht eingestellt.

Das Anreiz- und belohnungsorientierte System (alternativ: Antriebssystem) lenkt die Aufmerksamkeit auf potentiell notwendige Ressourcen und löst das Sicherstellen und das Streben nach diesen aus. Es ist mit Gefühlen von Lust, Antrieb, Selbstwirksamkeit, Geselligkeit und Belohnung in Form von Zustimmung und sozialer Dominanz verbunden. Körperlich wird das Streben durch Ausschütten von Dopamin ausgelöst. Belohnungsabhängiges Erleben ist deshalb nur von kurzer Dauer und abhängig vom Statuserhalt oder dem Erreichen neuer Erfolge.

Das Beruhigungs- und Fürsorgesystem stellt bei Säugetieren das Überleben der Nachkommen sicher, welche noch nicht für sich selbst schauen können und deshalb von der Fürsorge Erwachsener abhängig sind. Dazu regelt es das Bindungsverhalten. In diesem System lernen die Nachkommen sich durch Verbundenheit und körperliche Nähe zu beruhigen, indem ihnen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt wird. Körperlich wird dieses Gefühl u.a. durch einen langsamen, ruhigen Atemrhythmus, durch Schaukeln und beruhigende Stimmen vermittelt, was zur Stimulation von Oxytocin führt.  

Beim Menschen können die 3 Systeme nicht nur durch reelle Gefahren aktiviert werden, sondern auch durch imaginäre. So kann z.B. die Vorstellung oder die (unbewusste) Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis das Bedrohungs- und Selbstschutzsystem aktivieren, auch wenn reell keine entsprechende Gefahr besteht. Die Aktivierung eines nicht zum Kontext passenden Emotionssystems bzw. dessen permanente Überstimulation führt letztlich zu psychischen und körperlichen Symptomen, Störungen und Krankheiten. Die CFT macht sich therapeutisch dasselbe Prinzip zunutze, welches auch zur Störung geführt hat, nämlich die Möglichkeit der Aktivierung eines Emotionssystems durch körperliche oder imaginäre Stimulation. So wird das Beruhigungs- und Fürsorgesystem z.B. durch Erlernen eines beruhigenden Atemrhythmus sowie durch beruhigende Imaginations- und Meditationsübungen stimuliert, mit dem Ziel, dass die Dysbalance der 3 Emotionssystemen wieder ins Gleichgewicht kommt. 

Behandlungsansatz

Die Compassion Focused Therapy (Gilbert, 2010) ist ein integrativer und multimodaler therapeutischer Ansatz, der darauf abzielt, die Entwicklung von Mitgefühl für sich selbst und andere zu fördern, insbesondere bei Patienten mit stark ausgeprägter Scham und Selbstkritik. Die CFT wurzelt in neurophysiologischen und evolutionären Modellen und legt besonderes Augenmerk auf die Stärkung des Beruhigungssystems und den Ausgleich von Dysregulationen Anreiz- und belohnungsorientierte System und des Bedrohungssystems. Neben Meditationen enthält die Compassion Focused Therapy viele Techniken aus der modernen kognitiven Verhaltenstherapie (z. B. sokratische Dialoge beim Umgang mit Ängsten/Widerständen, Stuhlarbeit, Psychoedukation, innere Dialoge) sowie Imaginations- und Schauspieltechniken zur Kultivierung von Mitgefühl mit sich selbst und anderen.

Literatur

Gilbert, P. (2010). Compassion Focused Therapy. Routledge.

Gilbert, P. (2014). The origins and nature of compassion focused therapy. British Journal of Clinical Psychology, 53(1), 6-41. https://doi.org/10.1111/bjc.12043

Tanner, M. (2015). Compassion Focused Therapy-Mitgefühl im Fokus. Ernst Reinhardt Verlag.

Winter, H. & Graser J. Compassion Focused Therapy (2023). In T. Heidenreich & J. Michalak (Hrsg.), Verhaltenstherapie in Bewegung. Grundlagen und Praxis (S.119–143). Weinheim: Beltz